Wie wird man Übersetzer für Manga und Anime?

Über Voraussetzungen und den Weg zu diesem Beruf

 

Als ich am Ende meines Studiums vor der Frage stand, was ich mit meinen Japanischkenntnissen beruflich anfange, war für mich klar: Manga oder Anime oder gar beides zu übersetzen, würde mir viel mehr Spaß machen als in einer Firma mit Japanbezug Büroaufgaben zu erledigen, so wie es viele andere tun. Aber wie wird man eigentlich Übersetzer für Manga und Anime? Ist ein Japanologiestudium Pflicht? Oder gibt es noch andere Voraussetzungen?

Die kurze Antwort ist: Es gibt keinen vorgeschriebenen Ausbildungsweg. Du brauchst weder ein abgeschlossenes Japanologiestudium noch überhaupt ein Abitur. Das Übersetzen von Manga und Anime ist wie Literaturübersetzen ein künstlerischer Beruf, in dem nur die praktischen Fähigkeiten zählen. Denn nicht jeder mit einem Abitur oder Universitätsabschluss in der Tasche kann künstlerische Werke von einer Sprache in eine andere gut übertragen. Umgekehrt heißt das natürlich auch: Wenn du keinen Abschluss hast, aber dir die Fähigkeiten selbständig aneignest, hast du Chancen, Manga- oder Animeübersetzer zu werden!

Voraussetzungen für den Beruf 

Was braucht man aber, um Übersetzer für Manga oder Anime zu werden, wenn keinen Universitätsabschluss o.ä.? Denn irgendwelche Kriterien muss es ja geben, anhand denen z.B. ein Verlag entscheidet, ob er einen neuen Übersetzer aufnehmen möchte oder nicht. Welche Voraussetzungen man daher unbedingt mitbringen muss, erkläre ich im Folgenden.

Sprachkenntnisse

Selbstverständlich muss ein Übersetzer aus dem Japanischen die japanische Sprache beherrschen. Je näher die eigenen Sprachkenntnisse dabei an denen eines Muttersprachlers sind, desto besser. Mindestens muss man aber ein „Gefühl“ für die Sprache entwickelt haben – um etwa bei einem unbekannten Ausdruck zu ahnen, ob das jetzt wörtlich gemeint ist oder man das Vorhandensein einer Redewendung prüfen sollte -, und man muss wissen, wo man etwas nachschauen kann, das man nicht weiß. (Stichwort Recherchefähigkeit, dazu kommt noch ein extra Blogbeitrag, den ich hier verlinken werde!) 

  • Japanologiestudium – der Königsweg zum Übersetzerberuf?

Um sich die nötigen (Mindest-)Sprachkenntnisse anzueignen, gibt es heutzutage viele Wege. Der klassische ist das Japanologiestudium, in dem man neben der Sprache auch viel über Kultur, Geschichte und Mentalität des Landes lernt und sich im Rahmen wissenschaftlicher Fragestellungen mit konkreten Besonderheiten und Problemen der japanischen Gesellschaft auseinandersetzt. Dieses Hintergrundwissen kann beim Übersetzen von Manga und Anime hilfreich sein, insbesondere wenn man eine historische, politische oder gesellschaftliche Probleme anschneidende Thematik zu übersetzen hat. 

 

Muss man studiert haben, um Manga & Anime zu übersetzen? Klick um zu Tweeten

 

Allerdings kann man sich solches Wissen durchaus auch selbst aneignen, wenn man das will und es einem „nur“ darum geht, Hintergrundwissen fürs Übersetzen zu haben. Denn mit einem Japanologiestudium verpflichtet man sich, sofern man es beenden will, auf mehrere Jahre zum Ablegen von Prüfungen und Schreiben von Hausarbeiten, die einem eine hohe wissenschaftliche Qualifikation verleihen, aber nicht konkret auf einen bestimmten Beruf vorbereiten (außer den des Wissenschaftlers). Somit würde ich nicht sagen, dass jeder, der Manga oder Anime beruflich übersetzen will, einen unschlagbaren Vorteil hat, wenn er oder sie Japanologie studiert hat. Wer du dir sicher bist, dass du keine wissenschaftlichen Texte magst und außer dem Übersetzen von Manga / Anime an keinem japanbezogenen Beruf interessiert bist (der evtl. den Japanologieabschluss erfordern würde), dann musst du nicht studieren.

Mehr dazu: So lernst du schnell und genug Japanisch, um Übersetzer zu werden 

  • Japanischkurse oder Privatunterricht im deutschsprachigen Raum

Welche Wege außer einem Studium gibt es aber, um Japanisch zu lernen? An Lehrangeboten gibt es ansonsten noch die Sprachkurse an Volkshochschulen und Einrichtungen wie dem japanischen Kulturinstitut in Köln. Diese richten sich aber vorrangig an Anfänger und haben ein langsameres Lerntempo als Universitäten., Ab einem fortgeschrittenen Level ist man auf sich alleine gestellt und müsste sich Privatunterricht an einer Sprachschule in der eigenen Stadt oder online nehmen. Oder man geht nach Japan und schreibt sich in einer Sprachschule vor Ort ein. Diese haben in der Regel auch Kurse für Fortgeschrittene und darüber hinaus.

  • Japanischkurse direkt in Japan

Sprachschulen in Japan sind oft nicht billig und die Lebenshaltungskosten sind in Japan etwas höher als in Deutschland. Allerdings hat man den großen Vorteil, dass man die Sprache direkt in dem Land lernt, in dem sie auch gesprochen wird, und dadurch viel mehr Gelegenheiten hat, mit Sprache und Lebensgewohnheiten des Landes auf eine natürliche Art in Berührung zu kommen. Wenn man Manga und Anime gut übersetzen will, sind solche Erfahrungen meiner Meinung nach unerlässlich.

  • Nicht zu vergessen: Deutschkenntnisse!

Nicht zu vergessen ist aber auch, dass man die eigene Muttersprache bzw. Deutsch im Hinblick auf Vokabular und Grammatik auf einem professionellen Niveau beherrschen muss, wenn man Übersetzungen ins Deutsche anfertigen will. Unbekannte japanische Vokabeln im Wörterbuch nachschlagen kann jeder spätestens nach ein paar Unterrichtsstunden Japanisch. Aber je nach Kontext das am besten passende Wort im Deutschen auszuwählen, erfordert ein tiefgehendes Wissen um die Bedeutungsnuancen der meisten oder möglichst aller Wörter im Deutschen. (Zu solchen Themen werde ich später auch noch ausführlichere Blogartikel schreiben …)

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    • Wenn sonst nichts bleibt: Selbststudium

    Ansonsten bleibt einem natürlich noch die Möglichkeit, im Selbststudium zu lernen und sich japanische Grammatik und Vokabular selbst beizubringen, mit Lehrbüchern und anderen Hilfsmitteln. Auch dahingehend werde ich auf meiner Seite später einiges vorstellen!

    Technische und organisatorische Voraussetzungen

    Übersetzen ist in erster Linie eine geistige Arbeit, aber ohne ein grundlegendes technisches Setup kommt man heutzutage auch in diesem Beruf nicht weit.

    • Textverarbeitung

    Auf der Hand liegt natürlich, dass man ein Textverarbeitungsprogramm braucht. Die Verlage arbeiten in aller Regel mit Microsoft Word und können allein schon aus Zeitgründen keine Rücksicht auf Übersetzer nehmen, die mit einem inkompatiblen Programm ihre Übersetzungen schreiben. Daher sollte man entweder auch Microsoft Word benutzen oder ein Programm, bei dem man sich der Kompatibilität zu 100 % sicher ist. Andernfalls kann es zu Darstellungsfehlern oder einer abweichenden Zeichenanzahl im Dokument kommen (die Zeichenanzahl ist in manchen Fällen ausschlaggebend für das Honorar).

    • Spezielle Software

    Übersetzt man Anime, so braucht man außerdem eine Untertitelungssoftware und eine gewisse Routine im Umgang damit. Denn Untertitelungsprogramme sind etwas komplexer aufgebaut als Textprogramme – logisch, denn man arbeitet sowohl mit Text, Bild als auch Ton gleichzeitig. (Ich kenne auch noch eine Zeit, in der Microsoft Excel zum Erstellen einer Anime-Übersetzung verwendet wurde, aber diese Ära ist möglicherweise vorbei oder ihrem Ende nahe.) Es ist daher empfehlenswert, sich als Anfänger so ein Programm mal herunterzuladen und es auszuprobieren.

    • Hardware

    In der heutigen Zeit möchte ich außerdem erwähnen, dass ich das Schreiben am PC bzw. an einer physischen Tastatur empfehle. Wer aber meint, z.B. auch mit einer Tablet-Tastatur genauso schnell schreiben zu können wie auf einer physischen Tastatur, der möge sich nicht gezwungen sehen, sich extra einen PC anzuschaffen, solange es keine Kompatibilitätsprobleme mit der Desktopversion von Word oder fehlende Funktionen in der mobilen Version gibt.

    • E-Mail

    Darüber hinaus sollte man zu den Arbeitszeiten des Verlags per E-Mail erreichbar sein. Natürlich darf man sein eigenes Arbeitstempo haben und z.B. mehrere Stunden lang konzentriert an etwas arbeiten oder auch mal unterwegs sein, ohne seine E-Mails zu checken. Aber zeitnahe Antworten kommen in einem beruflichen Kontext immer besser an. Ist es für den Übersetzer nicht realisierbar, in der Regel noch am selben Tag auf E-Mails antworten zu können, sollte man das definitiv vorher mit dem Redakteur bzw. Verlag klären. Will man auch unterwegs verfügbar sein, empfiehlt sich ein Smartphone mit Datentarif als Ausstattung.

    • Bürokratisches

    Ab und zu muss man sich als Übersetzer von Manga und Anime aber auch um seine Steuer kümmern, wofür man als in Deutschland wohnhafter Übersetzer ELSTER oder ein kompatibles Ersatzprogramm und ggf. eine Buchhaltungssoftware benötigt. Darauf gehe ich in einem anderen Artikel auch noch genauer ein.

    Bewerbung beim Verlag

    Wenn man Sprachkenntnisse und alle erforderlichen Hilfsmittel beisammen hat, kann man den Schritt wagen und sich bei einem Manga- oder Anime-Verlag als Übersetzer bewerben. Dies erfolgt in der Regel per E-Mail und kann relativ formlos sein – im Zweifelsfall fragt man am besten auch erst einmal nach, wer im Verlag der richtige Ansprechpartner für Bewerbungen als Übersetzer ist und welche Unterlagen der Verlag zugeschickt haben möchte. Wie gesagt ist ein bestimmter Schul- oder Universitätsabschluss keine Pflicht, aber es kann sein, dass der Verlag einen Lebenslauf und Nachweise berufsrelevanter Abschlüsse sehen möchte, um sich ein Bild von der Person zu machen, die sich bewirbt. Es kann aber auch sein, dass man nur eine Probeübersetzung abgeben soll und wenn die den Ansprüchen genügt, wird man in die Übersetzerkartei aufgenommen.

    • Abgabe einer Probeübersetzung

    Je nach Verlag kann es sein, dass man einen Manga oder Anime zur Verfügung gestellt bekommt und diesen in einer bestimmten Zeitfrist übersetzen soll. Hält man diese Frist ein, so wird die Übersetzung von einer japanischfähigen Person (oft ein Muttersprachler) geprüft, und wenn das Niveau der Übersetzung professionell genug ist, hat man den Übersetzungstest erfolgreich bestanden. Dann meldet sich der Verlag nach einiger Zeit wahrscheinlich mit ersten Aufträgen bei dir.

    • Eigene Arbeitsproben

    Hat der Verlag kein eigenes standardisiertes Verfahren für eine Probeübersetzung, so wirst du wahrscheinlich um ein paar eigene Arbeitsproben oder Referenzen (veröffentlichte Übersetzungen) gebeten. In dem Fall ist es hilfreich, zur eigenen Übung schon einmal etwas übersetzt zu haben, das man dann einschicken kann. Und auch wenn man ein bestimmtes Werk für eine Probeübersetzung bekommt, hat man definitiv einen Vorteil, wenn man vorher schon mindestens einen Ausschnitt aus einem Manga oder Anime übersetzt hat, um zu wissen, wie man praktisch damit zurechtkommt, wie viel Zeit man braucht usw.

    Übersetzer geworden – und wie geht es weiter?

    Hat man eine Probeübersetzung bestanden, so wird man in die Übersetzerdatenbank des Verlags aufgenommen und sobald der Verlag neue Werke lizensiert und dafür Übersetzer sucht, kann es sein, dass auch du angeschrieben wirst, ob du nicht eins der Werke übersetzen möchtest. Dann tun sich neue Fragen auf, z.B. wie schnell man eine Übersetzung abgeben kann, wie viele Aufträge man gleichzeitig annehmen kann (vor allem wenn man nebenbei noch einen anderen Job oder ein Studium o.ä. hat), wie das mit dem Finanzamt und den Versicherungen ist, ob man überhaupt ein regelmäßiges Einkommen hat usw.

    Über all das werde ich im Laufe der Zeit berichten! Wenn du keine Neuigkeiten von mir verpassen möchtest, dann melde dich für meinen Newsletter an und verbinde dich mit mir gerne auch auf Facebook, Twitter und Instagram.

    Titelfoto von Balázs Kétyi auf Unsplash

    Über die Autorin

    Ekaterina Mikulich

    Übersetzerin für Manga, Anime und Light Novels seit 2012. Verantwortlich u.a. für die deutsche Übersetzung der Accel World Light Novel (TOKYOPOP), der Manga-Adaptionen zu Accel World und Der Junge und das Biest (beides TOKYOPOP), die deutschen Untertitel auf der mehrsprachigen BluRay zu Time of EVE (Pied Piper). Übersetzte Werke nahezu aller Genres und schrieb ihre Masterarbeit in Japanologie über japanische Light Novels und die sprachlichen Aspekte ihrer Übersetzungen im Kontext deutschsprachiger Jugendliteratur. In diesem Blog gibt sie ihr umfangreiches theoretisches und praktisches Wissen über das Übersetzen von Manga, Anime und Light Novels aus dem Japanischen weiter.

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